Zeitschriften als Medium zur Medienkompetenzvermittlung und zur Reflektion der eigenen Bestandsarbeit

Zeitschriften sind als Untersuchungsgegenstand sehr interessant, da sie sehr stark über Bilder funktionieren. Bilder sind eine häufige Quelle von Tradierung von Stereotypen. [1] Insbesondere vermittelte Geschlechterbilder – auch in Frauenzeitschriften – sind oftmals sehr traditionell. [2]

Nur wenige Zeitschriften sind sich dieser Verantwortung bewusst und versuchen, an dieser Stelle gegenzusteuern. Am Beispiel „Sonnencreme-Test“ sei dies verdeutlicht:

Stereotypes Bild (Brigitte) [3] vs. Anti-Stereotypes Bild (test) [4]

In der Brigitte wird im Bildvordergrund eine eine junge, schlanke und attraktive Frau am Strand gezeigt, die sich mit Sonnencreme eincremt. In der Zeitschrift test ist weiter im Hintergrund eine männliche Person zu sehen, welche einen pinken Schwimmflamingo über dem Kopf hält. Mehr über die Arbeit der Bildredaktion der Zeitschrift test, welche aktiv versucht stereotype Bilder zu vermeiden, in Link 4.

Kathrin Friederike Müller, Kommunikations- und Kulturwissenschaftlerin, bemerkt hierzu: „Das Geschlechterbild in Frauenzeitschriften ist grundsätzlich dem ähnlich, was sozusagen der Common Sense innerhalb der Gesellschaft ist. Also wie sich die Gesamtgesellschaft vorstellt, wie Frauen sein sollen.“ [5]

Patriarchale Vorstellungen [6], traditionelle Familienbilder und ausschließlich weiße Menschen, kennzeichnen die Bilder vieler Zeitschriften. Care-, Haus- und Gartenarbeit werden als Aufgaben von Frauen dargestellt. Die Frage der Intersektionalität ist an dieser Stelle noch nicht einmal angesprochen. Bei der Bekämpfung von Ungleichheit zwischen Männern und Frauen kann man jedoch nicht nur die Achse Gender anschauen und wie es sich zwischen Männern und Frauen verhält. [7] Sondern man muss auch darüber hinaus einen Blick wagen, wie es innerhalb der Kategorie „Frau“ aussieht. Die Kategorie „Frau“ wird dabei von Roig als sehr heterogene, diverse Kategorie gesehen, die unterschiedliche Achsen der Diskriminierung beinhaltet, wie zum Beispiel Hautfarbe, Geschlechtsausdruck und Geschlechtsidentität, soziale Klasse, Nationalität etc. [8] In Zeitschriften lassen sich sämtliche Diskriminierungsmerkmale, von Sprache über Alter und soziale Herkunft, Geschlecht und geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung, finden. 

In einem Medienkompetenzangebot für Jugendliche können bspw. aussortierte Zeitschriften auf bestimmte Fragestellungen untersucht werden und eine Collage zu negativen, aber auch positiven Beispielen erstellt werden. Auch mit KI-Bildgeneratoren kann gearbeitet werden, um Zeitschriftencover selbst zu gestalten und hierbei unterschiedliche Ergebnisse zu vergleichen.

Ergänzt werden kann eine solche Beschäftigung z.B. mit einem Podcast. Im Medienpodcast „quoted“ [9] geht es in Folge 3 bspw. um „Kulturelle Vielfalt in Redaktionen“ von Zeitschriften. Kommunikations-wissenschaftlerin Nadia Zaboura und SZ-Autor Nils Minkmar ziehen darin ein ernüchterndes Fazit.

Nadia Zaboura versteht nicht, warum Medien, die ja gerade stark unter wirtschaftlichen Druck stehen, nicht wenigsten versuchen neue Akzente zu setzen und in den Chefetagen kaum Reflektionsfähigkeit vorhanden ist das Problem strukturell zu ändern.

Nils Minkmar vermutet, dass die vermeintliche Erwartungshaltung der Abonnenten die Redaktionen sehr stark lähmt. Es gäbe bei vielen Deutschen auch eine „Illusion des Selbstbildes“, dass viele noch denken, dass „Deutschland kein Einwanderungsland ist“ und „früher alles besser“ war.

Gerade in großen Magazinen sind also oft eher keine polarisierenden Positionen vertreten, um möglichst viele Menschen anzusprechen. [10] Dies betrifft bspw. auch eine starke Unterrepräsentation von PoC. [11] Hinzu kommt, dass auch „etabliertere“ Titel wie bspw. das „Missy Magazine“ (erscheint seit 2008), in dem es um intersektionalen Feminismus, Körperpolitiken, Pop und Kultur geht, oft in keiner Öffentlichen Bibliothek vorhanden sind. 

Daher ist es wichtig sich seinen eigenen Bestand immer wieder anzusehen und beim Durchblättern auf die Verwendung von stereotypen Bildern oder Wörter zu achten. Oder um es sinngemäß mit Chimananda Adichie zu sagen: Eine einzelne Geschichte kann Stereotype erzeugen und festigen. Wenn man immer nur eine Seite gezeigt bekommt, dann bestimmt dies auch die Identität. Eine Geschichte wird zur einzigen Geschichte. [12]

Zeitschriften stehen oft jedoch nicht im größten Fokus beim Bestandaufbau und es läuft sehr viel automatisiert und bleibt lange unangetastet. Dabei bieten Zeitschriften aufgrund ihrer Vielfalt und Erscheinungsweise Bibliotheken eine gute Möglichkeit, ihren Bestand sichtbar und relativ schnell zu verändern.

Beitragsbild: erstellt mit Canva Ai (Promt „verschiedene moderne Zeitschriftencover“ am 26.2.26).


[1]  Vgl. nur. https://moodle.unifr.ch/pluginfile.php/1624056/mod_resource/content/0/06_Thiele%202015_Stereotype%20und%20Sozialisation.pdf

[2] Vgl. nur: https://www.linglit.tu-darmstadt.de/media/linglit/mitarbeitende/janich/abschlussarbeiten/Mueller_katharina_Bachelor.pdf

[3] https://www.brigitte.de/beauty/sonnencreme-test–welche-produkte-wirklich-ueberzeugen-konnten-13375038.html

[4] https://www.genderleicht.de/bildsprache-zeitschrift-test-geschlechtermischung-diversitaet-dabei-stereotype-vermeiden/, der Beitrag gibt weitere Einblicke in die Bildredaktionelle Arbeit der Zeitschrift test. 

[5] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/geschlecht-und-identitaet-welche-bilder-frauenzeitschriften-vermitteln

[6] Vgl. nur Emilia Roi: Why we matter. Das Ende der Unterdrückung. S. 59 ff.

[7] https://www.engagement-macht-stark.de/aktuelles/detail/ein-gespraech-ueber-intersektionalitaet-mit-dr-emilia-zenzile-roig-vom-center-for-in-tersectional-justice-origialversion/

[8] Ebd.

[9] https://open.spotify.com/show/1sMpP3uUqYm8k2Hg4GXXKD

[10] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/geschlecht-und-identitaet-welche-bilder-frauenzeitschriften-vermitteln

[11] Ein Grund bspw. warum 2019 die Frauenzeitschrift RosaMag gegründet wurde (leider nur online verfügbar: https://rosa-mag.de)

[12] https://youtu.be/D9Ihs241zeg?si=vrLCFFRr4cue9RCd    

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