Der „Umsatz“ oder auch „Umschlag“ von Medien ist eine der wichtigsten „Währungen“ für eine Öffentliche Bibliothek. Oftmals ist dieser auch direkt oder indirekt an die Höhe des Erwerbungsetats oder ergänzende Zuweisungen verknüpft.
Weiterlesen: Gesamteffizienz – ein „besserer“ Wert als Umsatz?Solange die AV-/Non-Book-Medien den Umsatz haben in die Höhe schnellen lassen, wurde dieser weitgehend unkritisch hingenommen und fleißig herausgestellt. Mit dem Niedergang dieser Medien und einem dadurch sinkenden Umsatz besinnt man sich nun wieder stärker auf andere Werte und die Nachteile der „Umsatzfixierung“ treten deutlicher zu Tage.
Dabei war der „Umsatz“ schon immer ein Wert, der ein verzerrtes Bild ergeben hat. Dies fängt mit unterschiedlichen Leihfristen an, die nicht gewichtet werden (ein Non-Book-Medium mit zwei Wochen Leihfrist kann natürlich häufiger ausgeliehen werden als ein Buch mit vier Wochen Frist).
Unter anderem hat dies in der Vergangenheit zu einer Verschiebung hin zu diesen Medien geführt. Denn neben dem „Umsatz“ ist auch die Gesamtausleihe ein wichtiger Vergleichswert. Und so versteht man es auch oft: je höher die Ausleihen, desto „erfolgreicher“ ist eine Bibliothek. An der Gesamtausleihe lassen sich schließlich auch Leistungskennzahlen wie „Kosten pro Ausleihe“ etc. festmachen.
Doch zurück zum Umsatz: Um diesen höher wirken zu lassen, werden besonders gerne zum Jahresende hin allerhand Medien aussortiert und insgesamt bei der Auswahl der Medien auf solche mit möglichst hohem Umsatzpotential geachtet. Dies ist grundsätzlich nicht verkehrt, da es in gewissem Maße auch um wirtschaftliche Abwägungen und Medienvielfalt gehen sollte – allerdings leidet unter dieser Praxis gegebenenfalls eine inhaltliche Ausgewogenheit und Qualität. KI-gesteuerte Erwerbung wird diesen Trend weiter zuspitzen – letztlich wird von dieser primär das gekauft, was sich am besten leiht / voraussichtlich leihen wird.
Was ist daran problematisch?
Zum einen führt die Zuspitzung auf wenige Ausleihbereiche zu einer immer geringer werdenden Nutzendenbasis. Oder anders gesagt: Man macht wenige Nutzende sehr glücklich, die dieses dann mit sehr hohen Ausleihen danken. Viele andere Nutzende finden aber kaum oder gar keine Medien mehr vor und gehen – auch als zahlende Nutzende – verloren, da sie keine ansprechende Auswahl an Medien mehr vorfinden. Die Bibliothek ist nach Ausleihen und Umsatz zwar erfolgreich oder wird sogar erfolgreicher, aber in der Frage von unterschiedlichen Nutzenden und damit letztlich auch in der Frage einer gesellschaftlichen Akzeptanz und Bedeutung entzieht sie sich immer mehr ihrer Grundlage.
Dadurch, dass der Umsatz anhand der sehr einfachen Formel „Ausleihen geteilt durch Gesamtzahl der Medien“ berechnet wird, werden Medienarten mit hohen Ausleihen als „wertvoll“ angesehen. Insbesondere bei Sachbüchern ergibt sich hierdurch ein gravierendes Problem. Wenn Bibliotheken ein Ort der verlässlichen Informationen bleiben wollen, auch um sich ein Stück weit von KI und Fake News abzugrenzen, dann sind sie auf einen ausgewogen und nicht zu kleinen Sachbuchbestand angewiesen.
Könnte die Effizienzwertanalyse die Lösung sein?
Auch die Effizienz ist an sich kein neuer Wert und ergibt sich durch den Ausleihanteil dividiert durch den Bestandsanteil.[1] In jüngster Zeit erfährt dieser jedoch wieder eine höhere Aufmerksamkeit.[2],[3]
Vorteil ist hier, dass einzelnen Medienarten oder auch Sachgruppen innerhalb von Medienarten getrennt voneinander betrachtet werden können und für diese jeweils ein eigener Wert definiert wird. Dabei kann der Effizienzwert (i.d.R. zwischen 0,7/0,8-1,2/1,3) unterschiedlich interpretiert oder gewertet werden. Konkret kann bspw. für Sachbücher eine Effizienz von 0,7 „gut“ sein und 1,1 für „Non-Book-Medien“ nicht.
Dadurch, dass die jeweiligen Medienarten in Relation zum Bestand betrachtet werden, ergeben sich weitere Vorteile. Beispielsweise könnte hierdurch eine Bibliothek mit einem gut ausgebauten und aktuellen Sachbuchbestand einen guten (Gesamt-)Effizienzwert erzielen, obwohl sie nach „Umsatzgesichtspunkten“ gegenüber einer Ausrichtung auf maximaler Ausleihe, schlecht(er) dastehen würde.
Bisher wird die Effizienzwertanalyse allerdings vor allem zum Bestandsmanagement einer einzelnen Einrichtung eingesetzt. In Form einer Gesamteffizienz pro Einrichtung könnte sie jedoch auf Landes- oder Bundesebene eine interessantere Kennzahl als der Umsatz sein.
Eine mögliche Voraussetzung hierfür könnte sein, dass man die jeweiligen Effizienzwerte z.B. in Punkte übersetzt, welche Einrichtungen am Ende vergleichbar machen würden. Denkbar wäre, dass man den jeweiligen Effizienzbereichen je nach Mediengruppe Punkte zuweist, welche dann am Ende eine Gesamtsumme ergeben. Die einzelnen Punkte müssten zuvor nochmals anhand des Bestandes gewichtet werden, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
Stark vereinfacht könnte eine „Bepunktungstabelle“ in etwa so aussehen:
| Medienart | < 0,7 | 0,7-1,0 | 1,0-1,3 | > 1,3 |
| Sachbücher | 100 | 200 | 300 | 400 |
| Romane | 0 | 100 | 200 | 300 |
| Kinderbücher | 0 | 100 | 200 | 300 |
| Tonies/NB | 0 | 0 | 100 | 200 |
| BdD | 0 | 0 | 100 | 200 |
Vergleicht man auf diese Weise nun zwei Bibliotheken mit gleich großem, aber unterschiedlich zusammengesetztem Bestand und jeweils identischen Effizienzwerten, so ergibt sich folgendes Bild:
Bibliothek 1
| Medienart | % Bestand | < 0,7 | 0,7-1,0 | 1,0-1,3 | > 1,3 | Gewichtete Punkte |
| Sachbücher | 10 | 100 | 200 | 300 | 400 | 20 |
| Romane | 30 | 0 | 100 | 200 | 300 | 60 |
| Kinder-bücher | 35 | 0 | 100 | 200 | 300 | 70 |
| Tonies/NB | 20 | 0 | 0 | 100 | 200 | 40 |
| BdD | 5 | 0 | 0 | 100 | 200 | 10 |
| Gesamt | 100 | 200 |
Bibliothek 2
| Medienart | % Bestand | < 0,7 | 0,7-1,0 | 1,0-1,3 | > 1,3 | Gewichtete Punkte |
| Sachbücher | 25 | 100 | 200 | 300 | 400 | 50 |
| Romane | 25 | 0 | 100 | 200 | 300 | 50 |
| Kinder-bücher | 30 | 0 | 100 | 200 | 300 | 60 |
| Tonies/NB | 15 | 0 | 0 | 100 | 200 | 30 |
| BdD | 5 | 0 | 0 | 100 | 200 | 5 |
| Gesamt | 100 | 195 |
An diesem Beispiel würde also bei gleichen Effizienzwerten ein größerer Sachbuchbestand nur einen geringen Nachteil von 5 Punkten bedeuten. Die Werte könnten allerdings auch noch feiner in 0,1-Schritten unterteilt werden, um noch genauere Ergebnisse zu erzielen.
Vergleicht man dies mit Umsatzzahlen, so würden 15% mehr Sachbuchbestand gegenüber 5% mehr Non-Book oder Kinderbücher sicherlich einen größeren Wert und somit Umsatzverlust ergeben.
Möglicherweise ist eine solche Umrechnung noch nicht der Weisheit letzter Schluss und ist daher ausdrücklich nur als Diskussionsgrundlage für weitere Überlegungen zu verstehen.
Letztlich stellt sich die Frage, wie Öffentlichen Bibliotheken sich zukünftig aufstellen wollen: als Orte der Demokratie-, Dialog- und Wissensförderung oder als Buchläden „light“ mit durch KI-Algorithmen durchkonfektioniertem Bestandsaufbau, welcher ausschließlich auf Umsatz getrimmt ist.
[1] Vgl. nur Konrad Umlauf: Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken, 1997, S. 134-135.
[2] https://fachstelle-oeffentliche-bibliotheken.nrw/2024/08/analyse-tipps-als-wertvolle-ergaenzung-zur-effizienzwertanalyse-ein-leitfaden-fuer-bibliotheken/
[3] https://www.oebib.de/medien/medienmanagement/bestandspflege, siehe auch „Zahlen, bitte!“ in Heft 3/2025 von Bibliotheksforum Bayern: https://www.bibliotheksforum-bayern.de/fileadmin/archiv/2025-3/BFB_Magazin_03_2025_BF_Metadaten.pdf
Beitragsbild erstellt mit Copilot.
